Neuauflage nach 100 Jahren: „Chronik von Weil im Dorf“ erscheint in neuer Gestalt, Foto GOEDE

Neuauflage nach 100 Jahren: „Chronik von Weil im Dorf“ erscheint in neuer Gestalt

(RED) Ein Jahrhundert nach ihrem ersten Erscheinen kehrt ein Stück Ortsgeschichte in neuer Form zurück: Die „Chronik von Weil im Dorf“ von Wilhelm Ostertag ist jetzt als sorgfältig überarbeitete Neuauflage erschienen. Herausgegeben vom Weilimdorfer Heimatkreis e.V., macht das Werk die Geschichte des einst selbständigen Dorfes wieder für eine breite Leserschaft zugänglich.

Als die Chronik 1926 erstmals veröffentlicht wurde, war Weil im Dorf noch eigenständig – aber eine Welt ohne Autos, auch ohne Fahrräder, Busse oder Bahnen, ohne Radio, Fernsehen und Mobiltelefon, ohne elektrischen Strom aus der Steckdose, ja sogar ohne fließendes Wasser in Bad und Küche. Doch es war auch bereits auf dem Weg in eine neue Zeit. Ostertag, geboren 1864 in Möckmühl und von 1908 bis 1924 Oberlehrer an der Weilimdorfer Volksschule, hatte über Jahre hinweg Urkunden gesichtet, Quellen abgeschrieben und Ereignisse zusammengetragen. Sein Ziel: Das historische Erbe des „Dorfes“ zu bewahren, bevor es im Zuge der Eingemeindung an Identität verlieren könnte. Tatsächlich wurde Weil im Dorf am 1. April 1929 Stadtteil von Feuerbach – ein bedeutender Einschnitt in der Ortsgeschichte. Die Vereinigung war gewollt und war bereits am 26. April 1925 demokratisch beschlossen worden. Doch schon am 1. Mai 1933 sorgten die Nationalsozialisten für die zwanghafte Eingemeindung von „Feuerbach-Weilimdorf“ in die Stadt Stuttgart.

Ostertags Werk ist weit mehr als eine nüchterne Datensammlung. Es schildert eindrucksvoll, wie die „große“ Weltgeschichte – Kriege, politische Umbrüche, wirtschaftliche Notzeiten – das Leben der Menschen vor Ort prägte. Die Chronik führt zurück in eine Zeit ohne Elektrizität, ohne fließendes Wasser, ohne moderne Verkehrsmittel. Sie erzählt vom bäuerlichen Alltag, von Not und Entbehrung, aber auch von Zusammenhalt, Glauben und Hoffnung innerhalb der Dorfgemeinschaft.

Besonders bewegend ist der persönliche Hintergrund des Autors. Ostertag widmete sein Buch dem Gedenken an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Weilimdorfer. Von weniger als 3000 Einwohnern verloren 121 Männer ihr Leben. Auch seine eigene Familie war betroffen: Ein Sohn fiel 1916 bei Verdun, dem anderen gelang 1917 die Flucht aus französischer Kriegsgefangenschaft. Diese Erfahrungen prägen Ton und Haltung des Werkes mit.

Eberhard Grötzinger bei der Vorstellung der Neuauflage der „Chronik von Weil im Dorf“, Foto GOEDE

Die nun erschienene Neuauflage macht die Chronik erstmals in moderner, gut lesbarer Schrift zugänglich. Die Originalausgabe war noch in „Fraktur“ gesetzt – für heutige Leserinnen und Leser oft schwer zu entziffern. Bereits 2004 wurde der Text durch Michael Blanz digitalisiert und nun behutsam an die heutige Rechtschreibung angepasst, ohne den historischen Charakter zu verfälschen. Urkundentexte bleiben im Originalwortlaut erhalten. Ergänzt wird das Werk durch historische Zeichnungen und Karten, die schon in der Erstauflage enthalten waren. Neu ist nun die durch Dr. Eberhard Grötzinger erfolgte Digitalisierung des Anhangs – sowie zahlreiche Detailkorrekturen, was Grötzinger in seiner Ansprache bei der Vorstellung des Buches am 17. März 2026 im Bezirksamt Weilimdorf mit so manchen Inhaltswiedergaben hervorhob: „Was tun Söldner des französischen König Ludwig XIV. in Weilimdorf? Warm brennen sie mit voller Absicht Häuser nieder?“ Mit diesen Fakten zeigt sich, dass das kleine Weilimdorf in der großen Politik das Gerangel der europäischen Mächte um die Vorherrschaft im Leben eines „württembergischen Dorfes“ spiegelt: Denn die Bewohner mussten es erdulden und ihre Söhne ins Feld schicken: „Was haben sie (die Weilimdorfer) gelitten unter den massenweisen Einquartierungen in Kriegszeiten“, so Grötzinger. Das Buch sei nicht einfach zu lesen, befand er weiter – doch es sei eine Fundgrube für die heutigen Lehrerinnen und Lehrern, die Kindern Orts- wie Weltgeschichte näherbringen wollen, wie Menschen früher in Weilimdorf gelebt haben.

Bezirksvorsteher Julian Schahl bei der Vorstellung der neuen „Chronik von Weil im Dorf“, Foto GOEDE

Die Veröffentlichung fällt in ein besonderes Jahr: Der Weilimdorfer Heimatkreis feiert 2026 sein 40-jähriges Bestehen. In seinem Grußwort würdigt Bezirksvorsteher Julian Schahl die Neuauflage als wichtigen Beitrag zur Identität des Stadtbezirks: „Wenn wir auf die Geschichte Weilimdorfs schauen, sehen wir eine Entwicklung, die viele Veränderungen erlebt hat, Aus dem bäuerlich geprägten Dorf ist im Laufe der Zeit ein lebendiger Stadtbezirk der Landeshauptstadt Stuttgart geworden“. Die Chronik habe schon 1926 einen Meilenstein für das historische Selbstverständnis Weilimdorfs gesetzt. Dass der Heimatkreis diese Arbeit fortführe und das Werk in zeitgemäßer Form neu herausgebe, sei von großer Bedeutung – gerade in einer Zeit raschen Wandels: „Mit dieser Chronik halten wir ein Buch in den Händen, das weit mehr ist als eine Sammlung historischer Daten. Es ist ein Stück Erinnerung, ein Stück Identität und auch ein Stück Heimatgeschichte unseres Stadtbezirks“, so Schahl.

Tatsächlich hat sich Weilimdorf seit den Tagen Ostertags grundlegend verändert: vom bäuerlich geprägten Dorf über die Eingemeindung nach Feuerbach bis hin zum lebendigen Stadtbezirk der Landeshauptstadt Stuttgart. Und doch ist vieles geblieben – Straßenzüge, Flurnamen, Familiennamen. Die Chronik hilft, diese Kontinuitäten zu verstehen und das Gewachsene im heutigen Alltag wiederzuentdecken.

Edeltraud John (links) dankt Erika Porten (rechts), Foto: GOEDE

Die Neuauflage versteht sich daher nicht nur als historisches Dokument, sondern als Brücke zwischen Generationen. Sie lädt dazu ein, die eigene Heimat neu zu entdecken – mit dem Blick zurück, um die Gegenwart besser zu begreifen. Die Gerhard und Paul-Hermann Bauder Stiftung sowie dem Pflegedienst Kada Stehr gewährten einen namhaften Zuschusses zu den Druckkosten: Das gebundene Buch umfasst immerhin 200 Seiten.

Edeltraud John (links) dankt Gerhard Bauder (rechts) für die Unterstützung der Neuauflage der Ortschronik von Weilimdorf, Foto GOEDE

Edeltraud John als Vorsitzende des Heimatkreises dankte insbesondere Gerhard Bauer, ebenso der Ehrenvorsitzenden des Heimatkreises, Erika Porten, wie auch Eberhard Grötzinger für die Arbeiten wie Unterstützung, die zur Neuauflage des Buches führten. „Ohne Sie, ohne all die vielen Helfer, auch aus dem Verein, hätten wir das so nicht geschafft!“

Das Buch kann ab sofort für 25 Euro beim Heimatkreis ( Tel. 0152- 38602726 oder Email info [at] weilimdorfer-heimatkreis [dot] de) und in der Buchhandlung SCHARR in Weilimdorf erworben werden. Mit der Wiederveröffentlichung der „Chronik von Weil im Dorf“ liegt nun erneut eine „Fundgrube“ für alle vor, die sich für die Geschichte Weilimdorfs interessieren. Ein Werk, das zeigt: Ortsgeschichte ist kein verstaubtes Kapitel – sie ist lebendige Erinnerung und Grundlage für die Zukunft.

Text/Fotos: Hans-Martin Goede, weilimdorf.de

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